Philosophie: eine Liebeserklärung

Seit mehreren Jahren werde ich mittlerweile damit konfrontiert, wie andere Menschen darauf reagieren, dass ich Philosophie studiere – nicht auf Lehramt. Die Variationen dieser sind hierbei vielfältig. Sie reichen von besorgten und bestürzten Mienen, vor deren geistigen Auge sich mein Leben gefangen in der Langzeitarbeitslosigkeit im Schnelldurchlauf abspielt, zu abwertenden Einstellungen, die einem „noch so ein Möchtegern-Weltverbesserer“ indirekt ins Gesicht rufen. Zu Beginn haben solche unterschwelligen Bewertungen mich verunsichert. Glücklicherweise ist meine Liebe zu dieser Disziplin, die dieselbe bereits im Namen trägt, geblieben und ich konnte mich damit abfinden, dass nicht jeder Weg, der im Leben beschritten wird, einfach sein kann. Ich weiß, dass ich thematisch in den meisten Fällen nur an Oberflächen kratze, für andere Annahmen ist die Philosophie ein viel zu weites Feld. Doch es gibt einige Kernaspekte, die ich versuche in mein alltägliches Leben zu integrieren und die für jeden Menschen von großer Bereicherung sein können.

Einer der Hauptgründe, warum die Philosophie von vielen Menschen als frustrierend oder sinnlos abgetan wird, ist ihr Bestreben, nicht unbedingt auf alles eine Antwort zu finden, aber stets die richtigen Fragen zu stellen. Philosophen werden demnach als weltfremde Exzentriker verbucht, die sich in ihrem Elfenbeinturm mit den Absurditäten des Alltags beschäftigen, welche für nichts und niemanden von Belang sind. Die Schwierigkeit der Einordnung ihres Handlungs- und Aufgabenbereiches besteht demnach zum größten Teil darin, dass sich ihr Nutzen zunächst in etwas definiert, das nicht sofort greifbar ist. Die Kritik eines fehlenden Mehrwertes des entstandenen Gedankenmaterials steht zusätzlich im Raum. Doch sind diese Anhaltspunkte zunehmend oberflächlich. Genau dieser Ansatz, dass nichts sofort und manches vielleicht auch nie verstanden werden kann, macht die Philosophie so wertvoll. Der Begriff des Verstehens wird dadurch relativ und mit der Zeit kann gelernt werden mit der Tatsache umzugehen, dass es gewisse Dinge gibt, die nicht endgültig und eindeutig beantwortet werden können. Darüber hinaus wird die Geduld geschult, da etwaiges Verstehen nicht unbedingt ad hoc passieren kann, sondern ein langwieriger Prozess ist. Intensive Auseinandersetzungen mit verschiedenen Themen erhalten eine zunehmende Anerkennung, da die Philosophie als eine langsame Wissenschaft gilt. Es geht nicht darum, möglichst schnell möglichst viele Thesen und Erkenntnisse zu verbreiten, sondern Ideen hervorzubringen, die im besten Falle lange bestehen und wiederum andere zum nach- und weiterdenken anregen. Genau dieser Punkt bildet einen großen Vorteil zu den übrigen Wissenschaften, in denen die neusten Erkenntnisse einen Tag später schon veraltet und überholt sein können. Auch spiegelt dies den Geist unserer heutigen Zeit wieder, in der nichts schnell genug gehen kann und das fehlende Vorhandensein von Hektik mit Stillstand verbunden wird. Hier bietet die Philosophie einen Zufluchtsort für ein produktives Verweilen und sie zeigt, dass in der Ruhe durchaus Kraft liegen kann.

Darüber hinaus ist der Aspekt des Zweifelns und Hinterfragens zu nennen, den die Philosophie fordert und auch fördert. In den übrigen Wissenschaften sind diese Tätigkeiten nicht zwingend gefragt. Viel mehr geht es um das Aufnehmen und Aufbereiten bereits existierender Regeln, Formeln und Gleichungen. In der Philosophie jedoch besteht die Möglichkeit nach dem „warum?“ zu fragen. Retrospektiv kann ich mir dadurch meine Schwierigkeiten im Matheunterricht erklären, da der tiefere Sinn hinter der Ableitung einer Funktionsgleichung mir fragwürdig erschien und dieser Skepsis bedauerlicherweise nicht weiter nachgegangen wurde. Der wohl bekannteste Zweifel in der Philosophie wurde von René Descartes beschrieben, der mit der Aussage cogito, ergo sum (Ich denke, also bin ich) die einzige nicht anzuzweifelnde Handlung festlegte. Nun ist es nicht notwenig, sich zwangsweise in einer Identitätskrise zu verlieren und zu versuchen, denn Sinn des Lebens zu ergründen. Der wesentliche Punkt ist die Ausbildung eines Urteilsvermögens, das dabei hilft, diverse Geschehnisse zu bewerten. Die Tragweite einer Handlungen kann eingeschätzt werden, verschiedene Äusserungen können beurteilt werden. Festgelegte Konventionen können hinterfragt werden und ob die Ausübung dieser mehr oder weniger brauchbar ist. Mit wenigen Worten: Mit Hilfe von Gefühl und Verstand können reflektierte Meinungen gebildet und dementsprechende Entscheidungen getroffen werden. Stimmt diese Entscheidung mit der in der Gesellschaft verankerten Norm überein, wird weder ein innerer noch ein äußrer Widerspruch hervorgerufen. Problematisch wird es erst, wenn bestimmten Konventionen nicht entsprochen wird. So verhielt es sich ebenfalls in meiner Situation, da man Philosophie offenbar nicht einfach so studiert. Da ich mit dieser Handlung niemanden verletze oder kränke ist diese Ausübung in einer freien Gesellschaft zwar legitim, die indirekte oder direkte Beurteilung und Bewertung dieser bleibt jedoch nicht aus. Dabei scheint es nachvollziehbar, dass die unterschiedlichsten Lebensgestaltungen zu der jeweiligen persönlichen Zufriedenheit führen können. Es sollte nicht darum gehen, das zu tun, was jeder tut. Die Geschichte Deutschlands zeigt, dass diese Form der Uniformität gefährliche Ausmaße annehmen kann. Doch selbst wenn es gelingt, sich über eine solche Gruppendynamik hinwegzusetzen, bleibt der Druck der gesellschaftlichen Missbilligung bestehen. Menschen sind Wesen, die Gefühl und Rationalität vereinen. Darum sollte die herausragende Fähigkeit, eine Meinung bilden zu können, als außerordentlich wichtig angesehen werden. Es gibt nicht den einen, festgelegten Lebensweg, der bestritten werden muss um Glück zu erlangen. Solche Annahmen werden stattdessen als Ausrede benutzt, um einem in-sich-Hineinhören und dem Ergründen persönlicher Wünsche aus dem Weg zu gehen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Vereine Verstand und Gefühl, um deine Träume zu verstehen und verfolgen. Habe Mut, Entscheidungen zu treffen. Habe Mut, Fehler zu machen. Habe Mut, zu deinen Taten, Gedanken und Äusserungen zu stehen.

Für eben diese hilfreichen Eigenschaften gilt die Philosophie als Vermittlerin und kann entsprechend allen Menschen Unterstützung leisten.

Beitragsbild: Photo by Alex Block on Unsplash

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