Unter Druck kann ich nicht arbeiten (Scumbag Brain)

Bei diesem Text handelt es sich um eine Anekdote aus dem Deutschunterricht.

Es kam mir schon immer so vor, als seien meine Gedanken in meinem Kopf gefangen.
Noch bevor ich versuche, sie auszusprechen, oder während ich gerade dabei bin, sind sie einfach nicht mehr vorhanden.
In letzterer Situation ist dies nur wenig hilfreich und sorgt eher für Fauxpas der charmanten Art und Weise und lässt wieder die Gelegenheit den perfekten Satz in einer Deutsch-Klausur zu schreiben, auf den ich seit der siebten Klasse warte, in weite Ferne rücken. Ein Satz, der einfach mich in all meiner Vollkommenheit beschreibt: clever und elegant, leicht verschachtelt und vielschichtig, nicht auf den ersten Blick zu durchschauen, mit genau der richtigen Prise Humor und einem Fremdwort gespickt.
Doch immer, wenn ich kurz davor bin ihn zu Papier zu bringen, ihn schon genauestens in meinem Kopf zurechtgebastelt habe… Kartoffelsalat.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine glückliche Kerrygold-Kuh auf einer Weide stehen, die in diesem Moment eher dazu in der Lage wär, die Kernaussage von Goethes Werther zu formulieren, als ich. Denn hätte sie die Fähigkeit zu schreiben, wäre ihr „muh“ ein Wort, dass auch von anderen als Wort anerkannt wird. Ich hingegen schaue auf mein Heft und lese: „In dem Briefroman der Text befasst sich mit tragischen Inhalten“. Toll. Gedanken auf der Überholspur, die sich gegenseitig ausbremsen.
Erstens: Was ist das? Und zweitens: Wo kommt es her?
Doch auch das macht nichts, ich greife einfach zu meinem Tintenkiller und lasse dieses Unglück verschwinden. Muss ja auch kein anderer sehen, denn es lässt nach außen den Eindruck einer sinkenden Intelligenz erscheinen.
Ins Unermessliche erhöht sich dann der Spaßfaktor, wenn ich feststelle, mal wieder mit Kulli geschrieben zu haben. Ich weiß einfach, dass mir beim Schreiben nie Fehler passieren. Naja, eigentlich liegt es ja auch an den Tintenpatronen: Ein abenteuerlicher Spaziergang dorthin würde einen enorm großen Aufwand bedeuten und über den Gebrauch von öffentlichen Verkehrsmitteln möchte ich gar nicht erst nachdenken.
Aber auch das macht nichts. Ich fange an, in unglaublich geschickten zick-zack-Bewegungen die misslungenen Wörtchen aus meinem Heft zu eliminieren.
Oh ja, das tut gut! Weiche, du Schund!
Leicht gereizt und abstoßend wenden ein paar fleißige Bienchen ihren Blick zu mir, die erst bei der dritten Seite Analyse sind.
Haha. Doch kein Grund zur Panik.
Ich fahre mit meinem Finger über die nun blau glänzende Stelle in meinem Heft. Und es ist ein gutes Gefühl. So schön weich und eben… Und ich habe es geschaffen! Ich ganz alleine!
Wie von selbst begibt sich mein Kopf in Richtung Tischkante. Der Duft von Kulli erfüllt meine Nase. Ich atme erneut tief ein und… Blicke nach vorne, wo mein Deutschlehrer, mich anstarrend leicht verstört in sein Käse-Schinkenbrot beißt.
„Ganz ruhig…“, denke ich mir „du fängst jetzt einfach an…“
„In dem Gedicht der Text befasst sich mit“. DU MUSST WEICHEN! Ich eskaliere total und vernichte dieses Unwerk mit meinem perfektionierten zick-zack-Geschredder.
Mitschüler seufzen, drehen sich genervt nach mir um, doch ich bin in Extase. Nichts geht über einen gelungenen Start.
Mittlerweile merke auch ich, dass die Zeit drängt und ich beginne zu schreiben, als gäbe es kein Morgen. Fünf Seiten Palaber, das auch ich irgendwann nicht mehr zu rechtfertigen weiß, durchschnittlich jedes zehnte Wort durchgestrichen. Eine gute Bilanz.

Nur als ich die Arbeit korrigiert wiederbekomme, erinnere ich mich an meine Kerrygold-Kuh und wünsche mir, etwas bessere Lesekünste zu haben, oder auch mit mehr Geduld gesegnet zu sein, wenn ich weiß, dass ich nur ein begrenztes Zeitlimit für die Bearbeitung einer Aufgabe zur Verfügung habe.
„Gehen Sie dabei  n i c h t  auf den III und IV Akt ein.“ Komisch. Als ich die Arbeit geschrieben habe, stand da bestimmt kein „nicht“ sondern „LOOOOOOOS! GEHE AUSSCHLIESSLICH AUF DEN III UND IV AKT EIN!“
Alles umsonst.
Da kann man auch nicht mehr von einer 5- im Elementarbereich gerettet werden. Denn der Zeitdruck macht es möglich und lässt Dinge wie „Artzt“, „Poblemfrage“ und „Beobchtung“ entstehen. Tippfehler beim Schreiben quasi.
Doch manche Sätze sind sogar von grammatikalischer Richtigkeit und glücklich ist der, der auch die kleinen Dinge zu schätzen weiß.

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