Das habe ich mir kaputtanalysiert

Die Prägung der Schulzeit
Ich denke, dass jeder von uns die Klassiker der Literatur kennt, die früher oder später vorzugsweise im Deutsch- oder Englischunterricht einer jeden Schullaufbahn gelehrt, besprochen und analysiert werden.
In meiner Erinnerung stapeln sich zahlreiche gelbe Heftchen, die bezogen auf ihre äußere Aufmachung nur wenig hermachen und deren Innenleben durch eine sperrige Sprache nicht auf Anhieb gut verständlich und nachvollziehbar ist. Da meine Schulzeit einige Jahre her ist und ich einen gewissen Abstand zu diesen Werken aufbauen konnte, erwische ich mich doch tatsächlich hin und wieder dabei, wie ich mir die unterschiedlichsten Sachverhalte mancher dieser Geschichten wieder ins Gedächtnis rufe und ich sie unter bestimmten Gesichtspunkten als gar nicht mehr so abwegig oder weit hergeholt empfinde, wie es noch vor Jahren der Fall war. Viele der angesprochenen Themen innerhalb dieser Literatur sind schlicht und ergreifend grundlegend und zeitlos. Größtenteils beschäftigen sie sich mit Liebe, die meist verboten ist oder nicht erwidert wird, mit Selbstfindung, Neid, Hass oder mutigen Heldentaten, die manchmal gelingen oder auch in der Katastrophe enden. Immer wieder tauchen diese Problematiken in allerlei Varianten der Kunst und Kultur auf und werden lediglich in anderen Rahmenbedingungen, Kontexten und Formen behandelt.
Folglich frage ich mich, was genau mich während meiner Schulzeit gestört haben mochte? Im Nachhinein kann ich mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass das ewige Herumdoktern an ach so wichtigen Textpassagen mit anschließender Analyse vom Handlungsmotiv des Protagonisten in Beziehung auf das allgemeine Weltgeschehen mir bereits nach kürzester Zeit ziemlich auf die Nerven ging. Ich hatte dadurch immer das Gefühl, dass in diesen schwierigen Worten und verworrenen Sätzen nur eine einzige Wahrheit enthalten war, die es zu finden galt, welche ich allerdings in den seltensten Fällen in mir selbst fand. In den zahlreichen Klassenarbeiten und Klausuren versuchte ich stets diese einzig wahre Kernaussage aufzudröseln, was in der Regel darin endete, dass ich das Thema verfehlte, nicht die wichtigsten Schlüsselszenen herausgearbeitet hatte oder sogar zu viel Einsatz zeigte und meine Zergliederung von Überinterpretationen gekennzeichnet war.

 

Mehrwert der Künste heutzutage

Vielleicht ist es insbesondere ein Merkmal unserer Zeit, dass heutzutage alles was man macht und tut, vielleicht sogar nur das, was man denkt, irgendeinen Mehrwert verbreiten oder einen Zweck erfüllen muss. Reicht es denn nicht mehr, lediglich irgendetwas zu tun, ohne, dass auch gleich noch etwas Lehrreiches oder Bereicherndes der gesamten Gesellschaft übermittelt wird? Oder noch schlimmer: Was ist, wenn ich eine gewisse Zeit lang mal gar nichts tue, außer vielleicht die Erhebungen der Raufasertapete zu zählen? Oder aber wenn ich eine Handlung ausübe, die durch ihre Art und Weise als Zeitverschwendung abgetan wird, wie sich beispielsweise über einen ausgedehnten Zeitraum hinweg mit der Frage zu beschäftigen, welche Bedeutung dem Wort Selbstbewusstsein tatsächlich innewohnt.
In dieser Hinsicht finde ich es sowohl bei klassischer als auch bei zeitgenössischer Literatur und Kunst immer wieder faszinierend, was für Bedeutungen, Symbole und Interpretationen in die kleinsten Details gequetscht werden, auf die ich von allein nie und nimmer gekommen wäre. Diesen Ansatz möchte ich nicht pauschal verteufeln, aber er könnte ein Hindernis und eine Schwierigkeit für viele Empfänger darstellen, die nicht genauso intensiv in der Materie versunken sind wie mancherlei Experten auf diesem Gebiet, sondern sich eher am Rande mit etwas Neuem oder Unbekannten beschäftigen oder sich schlichtweg aus ihrer Komfortzone heraus getraut haben. Müssen sich diese Menschen (zu denen ich mich selbst auch zählen würde) schlecht fühlen, weil ihnen das Bild einfach wegen der verwendeten Farben gefällt oder sie den Text aufgrund des Klanges der aneinandergereihten Worte mochten? Weil sie einen anderen, vielleicht auch unkonventionellen Aspekt des Werkes, aus welchem Bereich dieses auch immer stammen mag, für sich selbst als wichtig oder zentral empfunden haben, der nicht in der Beschreibung der Broschüre oder im dazugehörigen Informationstext vermerkt war?
Ich hoffe nicht. Natürlich kann vom Urheber ein bestimmter Sachverhalt thematisiert und in den Fokus gestellt worden sein, doch was sollte so schlimm daran sein, wenn noch weitere Impulse durch eine andere Interpretation zu einer weiteren Diskussion oder Auseinandersetzung beitragen? Oder wie wird damit umgegangen, wenn das Werk nichts dergleichen verursacht, sondern den Empfänger stattdessen in stille Einkehr versetzt? Haben Werk und Künstler dann ihr Ziel verfehlt? Denn genau dieselbe Frage, die ich mir hier mit Augenmerk auf den Betrachter, Leser oder Zuhörer stelle, kann auch auf den Urheber bezogen werden.

Was war sein Motiv? Und welches davon ist meins?
Ich frage mich, ob es regelrecht verwerflich ist, wenn ein Künstler ein Bild gemalt hat, einfach, weil er ein Motiv in seinem Kopf oder gar in seinem Herzen hatte, das er zur Leinwand bringen wollte? Wenn er möglicherweise nicht einmal von einer Vorstellung an sich geleitet wurde, sondern ein Empfinden in sich wahrgenommen hat, das aus ihm herausdringen wollte und er sich nicht wirklich etwas bei seinem Ergebnis gedacht hat? Ist es schlecht, wenn ein Schriftsteller einen Text verfasst, der einfach für das steht, was er ist, vielleicht die Schönheit des geschriebenen Wortes durch die kunstvolle Verwebung von Phrasen und Sprache an sich hervorhebt, der vielleicht auch nur etwas beschreibt, so wie es ist, oder auch gar nicht wie es ist, sondern wie es just in diesem Augenblick aufgefasst wird, ohne Hintergedanken und Moral, sondern, der schlicht für diesen einen Moment des Lesens gedacht ist? Müssen all diese Werke, die auf diese Art entstehen, vollgepackt sein mit Weisheiten und Kritiken? Ist es nicht gut genug, wenn auf dem Bild einfach nur spielende Kinder auf einer grünen Wiese mit einem angrenzenden plätschernden Bächlein zu sehen sind, und keine der Darstellungen auf den Klimawandel oder die mangelnde Bewegung von Jugendlichen unserer Zeit zuzüglich daraus resultierender Krankheiten wie Diabetes oder eine Fettleber hinweisen?

Es ist gut ein Sprachrohr zu nutzen und auf Missstände, Probleme und möglich Lösungsansätze zu informieren, doch ich bin der Meinung, dass all unsere Künste genauso noch dazu dienen dürfen, uns auf ihre bestimmte Art den Moment genießen zu lassen, zu fühlen, wie sich während dieses Innehaltens etwas in uns bewegt und mit ruhiger Besonnenheit diese Oase des Verweilens in uns aufzunehmen. Unser Alltag ist hektisch, stetig im Wandel, chaotisch und turbulent, also möchte ich zumindest mir selbst einen erholsamen Zufluchtsort erhalten.

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