Fridays for future, students with a sign saying "there is no planet B"

Aus den Augen, aus dem Sinn

Ich sitze an meinem Schreibtisch, habe eine Tasse dampfenden Tee vor mir stehen und für sich genommen geht es mir sehr gut. Auf meinem PC habe ich ein Nachrichten-Portal geöffnet, das mit seinen Inhalten jedoch für etwas Unbehagen sorgt. Im Weltgeschehen war schon immer viel los, schließlich lebt der Mensch nicht im Stillstand. Und es wird auch immer gute und schlechte Neuigkeiten geben, das ist der natürliche Lauf der Dinge. Aber mich überkommt das Gefühl, dass ich mir keine weiteren Ausreden mehr suchen möchte. Ich möchte den Browser nicht schließen und denken „aus den Augen, aus dem Sinn, passt schon“. Nein, etwas in mir sträubt sich. Ich war schon immer häufig in meinen Gedanken versunken, aber dieses Phänomen scheint in letzter Zeit ganz neue Ausmaße anzunehmen.

Ich sehe aus dem Fenster und beobachte die verschiedenen Menschen. Alle sind auf dem Weg irgendwo hin, alleine, mit ihren Kindern oder Freunden. Sie telefonieren, frühstücken das Brötchen vom Bäcker im Gehen, oder sind mit schwer aussehenden Paketen beladen. Sie bewegen sich langsam schlendernd oder hektisch und schnell.  Es wird geplaudert über dies und das, die Urlaubsplanung, das letzte Wochenende, oder was es zum Mittagessen geben soll. Alles ist so schrecklich normal. Diese beinahe unerträgliche Alltäglichkeit lässt mich grübeln. Gerade erst habe ich ein Foto aus der Arktis gesehen, auf dem ein Hundeschlitten durch Wasser rauscht. Es ist erst Sekunden her, dass ich gelesen habe, dass das Eis im Himalaya so rasant wie niemals zuvor schmilzt. Aber hier wirkt es so, als seien diese Meldungen nicht real. Dabei hat meine Heimatstadt doch erst vor kurzem den Klimanotstand ausgerufen. Doch angesichts des bevorstehenden Segelsportevents, das eines der größten weltweit ist, wird sich unter anderem wieder auf die täglich stattfindenden Feuerwerke gefreut. Passt das zusammen? Ist das nicht ein bisschen scheinheilig? „Ja, lasst uns doch die Knallerei. Wir schonen die Umwelt an anderer Stelle“*, so hat die große Mehrheit in einer Online-Umfrage über das Thema abgestimmt. In mir schreit wieder alles nein. Das ist doch grotesk. Ich kann doch nicht draußen auf der Straße Passanten schlagen und es damit rechtfertigen, dass ich Zuhause lieb zu meiner Katze bin. Das ist genauso, als würde ich es traurig und schade finden, dass die ganzen kleinen Geschäfte aufgeben müssen und aus den Städten verschwinden, ich selbst aber nie dort einkaufen gegangen bin. Es ergibt keinen Sinn.

Darüber hinaus funktioniert weder die Argumentation, noch eine nachvollziehbare Handlung auf diese Art und Weise. Für mich ist dies der Innbegriff von Verdrängung, der dem kleinen Egoismus zur Rechtfertigung verhilft. Jetzt verstehe ich auch, warum hier alles so normal ist und ganz routiniert weiter funktioniert. Die Welt in mir jedoch gerät aus den Fugen. Jeden Tag stelle ich mir Fragen, beispielsweise wie meine Zukunft aussieht und ob ich überhaupt eine habe. Und das liegt nicht daran, dass ich Geisteswissenschaftlerin bin. Nicht dieses Mal. Ich weiß, dass es nur eine einzige Sicherheit gibt, wenn sich nicht drastisch etwas ändert: Die, dass die angenehmen Tage in dieser abgeschotteten Normalität vorübergehen werden. Darüber hinaus frage ich mich, was das Richtige ist. Ich denke, dass ich vorerst ausschließlich das Richtige für mich selbst finden kann. Ich kann nur an jeden anderen Menschen appellieren, sich ebenfalls diese Fragen zu stellen. Es gibt immer mächtige Menschen, die Wege vorgeben und andere mit sich tragen. Und genau dann, wenn die meisten dieser Entscheidungen kritisch, traurig und beunruhigend sind, ist jeder Einzelne gefragt: Dein Denken endet nicht mit der Entscheidung eines anderen. Denke über dich nach, was kannst du verändern oder noch viel wichtiger, wie kannst du Zeichen setzen? 

Eines meiner Lieblingszitate lautet: „Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“**. Für mich beinhaltet es auf der einen Seite unendlich viel Hoffnung und zeigt, wie etwas Negatives in etwas Positives Verwandelt werden kann. Auf der anderen Seite verdeutlicht genau dieser Satz mir immer wieder, wie viel Einfluss jeder einzelne Mensch hat.

Selbstreflexion und eine gesunde Skepsis sind für mich die wichtigsten Zutaten in Bezug auf Entscheidungen geworden. Vielleicht befinden wir uns in einer Art Renaissance der Aufklärung, in der das Individuum sich nicht mehr aus der Verantwortung ziehen kann und die auferlegten Richtlinien der sogenannten „Macher“ nicht mehr stillschweigend als Religion akzeptiert werden können. Wach auf und überlege gut, wozu ja gesagt werden kann und wann es sich lohnt, sich mit einem nein zur Wehr zu setzen.

Um meinen oben erwähnten Lieblingssatz noch einmal aufzugreifen, sei gesagt, dass bereits Krieg herrscht. Die Klimakrise ist ein Krieg, in der wir Menschen mit der Umwelt kämpfen, die Wirtschaft aber die stärksten Waffen besitzt. 

Ich will nicht mehr kämpfen. Ich will Zusammenhalt, sodass keine Waffen mehr nötig sind.

*Quelle: https://www.kn-online.de/Mehr/Umfrage/KN-Umfrage/Feuerwerk-auf-der-Kieler-Woche
**  Ein eindeutiger Urheber dieses Zitates ist nicht bekannt. Ab 1966 wurde er in einem Artikel der Autorin Charlotte Keys folgendermaßen formuliert:“Suppose They Gave a War and No One Came“.

Beitragsbild: Photo by Bob Blob on Unsplash

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