This picture shows a taxi in London, waiting in front of a Hotel. There are some christmas lights. Photo by Hat Creative on Unsplash

Rückbankromantik

Rückbankromantik 

Es war erst Nachmittag, doch die ersten Laternen erleuchteten bereits die Straßen der Stadt und der umliegenden Gebiete, als er im Fond des Taxis saß und durch das Seitenfenster die an ihm vorbeiziehende Landschaft betrachtete. Gehwege, Passanten und selbst die Natur vermischten sich zu einer einzigartigen Nuance Grau, gegen welche die an Bäumen und Häuserfassaden angebrachten Lichterketten und sonstige Zierden versuchten anzukämpfen und binnen der ausgedehnten Periode der Dunkelheit vollen Einsatz zeigten, während der Adventszeit eine weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Inzwischen lagen die Temperaturen tagsüber konstant um die 5°C, sodass er bereits nach der kurzen Zeit des Wartens am Taxistand des Flughafens angefangen hatte zu frieren. Zwar war er darum bemüht gewesen, seine Finger durch stetiges Aneinanderreiben und Anhauchen davor zu bewahren, steif und taub zu werden, doch ehrlich gesagt fühlten sie sich jetzt noch immer wie Eiszapfen an, während er auf der Rückbank des Autos verweilte und seine Hände in seinem wärmenden Schoß ruhten. Natürlich hätte er seinen dunkelgrauen Wollmantel für diesen kurzen Aufenthalt an der frischen Luft über seinen Anzug ziehen können, doch nach diesem ewigen Hin- und Hergeräume diverser elektronischer Geräte, Pässe, Tickets sowie unliebsamer Flüssigkeiten, das man beim Reisen mit dem Flugzeug auf sich nahm, hatte er sich bei einer seiner letzten Etappen für die faule Variante der Resignation entschieden und seinen Mantel über dem Handgepäckkoffer hängend hinter sich hergezogen.
Seit er in das eierschalenfarbene Gefährt gestiegen war, erfüllten die unverwechselbaren Gerüche von deftigen Frikadellen und mentholverströmenden Pfefferminzbonbons seine Nase, während die hellbraune, gefütterte Lederjacke des Taxifahrers bei jeder Bewegung ein knatschendes Geräusch von sich gab und der glitzernde, auf dem Armaturenbrett befestigte Plastikweihnachtsmann bei den kleinsten Unebenheiten des Erdbodens geschmeidig nach links und rechts wackelte. Sein Fahrer und Wegbegleiter für die nächsten rund 90 Kilometer, die noch vor ihnen lagen, summte die Melodie von Slades aus dem Radio dröhnenden Hit Merry Christmas und klopfte eindringlich mit Zeige- und Mittelfinger im Takt auf das Lenkrad. Diese Musik wiederum erinnerte ihn an das pulsierende London, das sein Wohnort für die letzten 7 Jahre gewesen war.

Er dachte zurück an die vergangene Woche, als er in der zur Festzeit feierlich dekorierten und herausgeputzten Metropole einen kläglichen Pappkarton samt seiner persönlichen Gegenstände, die zuvor den Schreibtisch und die Schubladen seines Büros geziert hatten, durch die mit Lampions, Lametta, Flitter und Tannenzweigen geschmückten Einkaufsstraßen trug, bis er die nächstgelegene U-Bahn Station erreicht hatte. Dort angekommen wurde er begleitet von einem Schwall Hitze und hektisch umherwuselnder Menschen in die Tiefen der unterirdisch liegenden Schächte gezogen, bis er eng mit allen anderen in die kleine silber-rote Sardinenbüchse gepfercht seinem Apartment entgegenruckelte. Sobald diese wenig erholsame aber äußerst zweckmäßige Fahrt überstanden war und er die restliche Entfernung zu Fuß überwunden hatte, betrat er seine Wohnung, warf Mantel, Schal und Handschuhe über die Garderobe, die eigentlich nicht mehr war als ein nackter Metallständer, von dem er nicht einmal mehr wusste, woher er diesen überhaupt hatte, stellte den Pappkarton im Wohnzimmer, das praktischerweise gleichzeitig auch Ess- und Schlafzimmer war, ab, und ließ sich selbst in den dunkelgrünen Fernsehsessel fallen. Seufzend begutachtete er von dort aus den kleinen braunen Gegenstand, der unweit von ihm auf dem mit benutztem Geschirr und ungelesenem Papierkram vollgestellten Tisch seinen Platz gefunden hatte und dachte darüber nach, wie aberwitzig es war, dass die meisten der für ihn wichtigsten Gegenstände, die sich in seinem Besitz befanden, in diese winzige, leicht trostlos wirkende Kiste passten.

Zugegebenermaßen nannte er seine Wohnung aufgrund der Größe und Inneneinrichtung liebevoll den Schuhkarton, sodass sie quasi eine große Version der soeben platzierten Schachtel darstellte, denn wer sich einmal mit den Wohnpreisen innerhalb Londons auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese einem das Leben äußerst schwer machen können. Dementsprechend hatte es sich so ergeben, dass der größte Teil seines Gehaltes für die wöchentlich zu bezahlende Miete herhalten musste und er es unter anderem auch aus diesem Grund nicht eingesehen hatte, noch mehr Geld für eine schicke oder stilvolle Einrichtung auszugeben. Darüber hinaus verbrachte er ohnehin die meiste seiner Zeit bei der Arbeit in seinem Büro oder auf Geschäftsreisen, vielleicht hätte er es sich sich also lieber irgendwo dort zwischen Businessflügen, Firmenessen und Vertragsabschlüssen gemütlich machen sollen, doch nun war es dafür sowieso zu spät.

Dieses Kapitel galt vorerst als beendet, der Zug war abgefahren, ohne ihn, zumindest was dieses weltweit erfolgreiche Unternehmen betraf, von welchem er sich schon während seines Studiums erträumt hatte, einst zu den ehrenwerten Angestellten zu gehören. Er hatte alles darauf ausgelegt und darauf hingearbeitet, sodass auch er sich baldmöglichst in die Riege der angesehenen und einflussreichen Wirtschaftsgenies einreihen konnte, hatte so viel geopfert, was Zeit, Kraft und Aufwand anging und plötzlich, peng, wie aus dem Nichts wurde er aussortiert oder ersetzt und bekam nicht mehr als einen laschen Händedruck, ein gespieltes Lächeln und leere Worte, die sich anhörten wie von einem Band abgespielt und die ihm auf unpersönliche Weise vorgaukelten, dass diese Entscheidung sehr bereut würde und doch getroffen werden müsse, während ihm im Nebensatz und zwischen den Zeilen für seine ertragreiche Mitarbeit gedankt wurde.
Dabei hatte er sich stets so viel Mühe gegeben, war auf Fortbildungen gegangen, hatte ohne zu Klagen Überstunden geschoben, bis die Arbeit abschließend und zufriedenstellend beendet war, hatte es in Kauf genommen, rund um die Uhr erreichbar zu sein und doch hatte er irgendwann begriffen, dass es nicht um seine Anstrengungen oder seinen Einsatz ging, sondern darum, welche Ergebnisse am Ende des Tages geliefert werden konnten. Natürlich war dieser Alltag anstrengend und aufreibend, doch zu einem gewissen Zeitpunkt hatte er begonnen dieses System zu verstehen, schließlich ging es unterm Strich darum, innerhalb des Unternehmens ein gemeinsames Ziel zu erreichen, einen Erfolg zu verbuchen und ab einem bestimmtem Augenblick hatte genau diese Herangehensweise angefangen ihm Freude zu bereiten. Er biss sich in allerlei Herausforderungen fest, platzte regelrecht vor lauter Gehirn durchströmender Ideen, bis er auf die einzig wahre Lösung stieß und sein Körper mit so vielen Endorphinen durchströmt wurde, dass ihm die unschönen Begleitumstände wie der ungemütliche und wenig wohnliche Schuhkarton, die lästigen U-Bahn Fahrten oder die erdrückende Menschenmenge, die sich zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit durch die gesamte Stadt zu schieben schien, gleichgültig wurden und er einfach nur noch glücklich und zufrieden mit sich und seiner an Zahlen und Kursen orientierten Welt war. Von erdrückender Wehmut durchsetzt dachte er an diese glanzvolle Ära seines Berufsdaseins, während welcher er sich oftmals für Verhandlungsgespräche und das Pflegen von Kontakten mit Kollegen und Partnern aus allerlei Branchen im Pub auf dreieckig geschnittene Käsesandwiches samt Chipsbeilage und ein kühles, erfrischendes Pint traf. Die lauschige Atmosphäre, die die Grenzen verschwimmen ließ, ob er bereits Feierabend hatte oder sich noch immer mit arbeitsrelevanten Inhalten auseinandersetzte, gab es obendrein ganz kostenlos dazu.

Jedes Mal hatte er diese spezielle Form der Gastwirtschaft bewundert, die es schaffte, die entgegengesetztesten Dresscodes und Lebenssituationen unter einem Dach zu versammeln. Von feinen Seidenkostümen und um Sakkos und Hemden gesponnene Anzug-Arrangements, von Blaumännern und Schnittschutzhosen bis hin zu mit I love London bedruckten Cappies und Sweatshirts waren allerlei Arbeits- und Freizeituniformen vertreten, deren Träger in diesem Raum ausnahmslos an der Bar ihre Bestellungen orderten und bezahlten und somit trotz ihrer Verschiedenheit ein Bad in barriereloser Einheit nahmen.

Durch den Rückspiegel des Taxis konnte er nun ein sich auf seinem Gesicht ausbreitendes Grinsen erkennen, als er an diese intensiven, lehrreichen vor allem aber erfüllenden Jahre zurückdachte. Ohne Zweifel hatte er für sich die richtige Tätigkeit gefunden, hatte nachvollziehen können, dass das Wort Beruf tatsächlich der Berufung entstammte und war in seiner Arbeit nahezu aufgegangen. Vielleicht hatte ihn genau aus diesem Grund der mentale Schlag in Form von der Beendigung seiner Beschäftigung so schwer getroffen und ihn infolgedessen für einen geraumen Zeitraum umgehauen und aus der Bahn geworfen, da er sich seit einer Ewigkeit wieder im freien Fall befand, ohne genau zu wissen, was die Zukunft bringen würde und wann er wieder festen Boden der souveränen Zuverlässigkeit und Ordnung unter sich haben würde. Stattdessen war er in dieses eklige, tiefe schwarze Loch gefallen, das so unendlich und ausgedehnt schien, als ob er es niemals wieder aus eigener Kraft verlassen könne. Vorerst war es ihm nicht in den Sinn gekommen, sich einfach auf eine andere Stelle zu bewerben, er hatte salopp gesagt überhaupt keine Lust dazu verspürt, erneut ganz von Vorne anzufangen, während der Traum, den er einst gelebt hatte, ihn ohne ein ordentliches Abschiedswort verlassen hatte, ihm einfach so den Rücken zugekehrt hatte, neue Segel setzte und sich auf Erkundungstour zu neuen Ländern, Abenteuern und Expeditionen begab und somit fortan zumindest was ihn betraf für immer als verschollen galt. Er kam sich machtlos und unbeholfen vor, während er sich nicht dazu im Stande sah, es von ganz alleine aus diesem erdrückenden Nichts herauszuschaffen, das ihm so viele Fragen und Zweifel an den Kopf warf, auf die er schon lange nicht mehr eingehen wollte und die sein Gedankenkarussell immer schneller und heftiger drehen ließen, sodass es mit unheimlicher Kraft rotierte und er sich immer wieder aufs Neue am gleichen Ausgangspunkt befand, der doch so trügerisch war, da weit und breit kein Ausgang aus diesem Teufelskreis zu finden war.

Auch bevor er sich in dieses Dilemma des drei Schritte Vorrückens und vier wieder Zurückweichens verstrickt hatte und ihm sein Alltag so rosig und beflügelnd erschien, gab es Tage, an denen er sich durchaus einsam gefühlt hatte, doch diese ungünstige Nebenwirkung war unter Umständen nicht zu umgehen, da er sich für dieses spezielle Leben voller Hektik, Bilanzen, Trubel, Analysen und Großstadtlärm entschieden hatte. War es im Endeffekt nicht immer der Fall, dass jeder Entscheidung ihre positiven und negativen Aspekte beiwohnten? Für ihn wäre damals nichts Anderes in Frage gekommen, als sich raus in die Welt zu stürzen, um diese herauszufordern und zu erkunden, was sie für ihn bereithielt. Er hatte seine Chance genutzt und alles an Erfahrungen, kleinen Weisheiten und Lektionen mitgenommen, welche sich ihm in verschiedenster Weise und an den unterschiedlichsten Orten geboten hatten.

In den leisen, ruhigen Momenten fernab jeder Hast und Rastlosigkeit hatte er nichtsdestotrotz stets daran gedacht, woher er kam, wo sein Ursprung verwurzelt war und welche Menschen an eben diesem Ort auf ihn warteten, die genauso an ihn dachten, dort, in dem weit entfernten heimischen Nest, das ihn während der unruhigen Zeit des Erwachsenwerdens mit behaglicher Zärtlichkeit umsorgt und ihm Zuflucht gewährt hatte, ihm aber genauso, sobald er für diesen Schritt bereit gewesen war, Flügel geschenkte hatte und ihn durch die Lüfte schrankenloser Möglichkeiten schweben ließ.
Inzwischen war er erwachsen, zumindest ging er davon aus. Was genau hieß das eigentlich? Vielleicht, dass man seine eigenen Rechnungen bezahlte, vielleicht aber bedeutete es auch etwas ganz Anderes, doch dass er in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, für sich selbst sorgte, ließ ihn sich selbst in gewisser Hinsicht als erwachsen charakterisieren. Als er so darüber nachdachte, kam es ihm so vor, als hätte sich über die Jahre tatsächlich etwas in ihm verändert. Die immerzu wechselnden und sich nie gleichenden Aufgaben und Prüfungen, mit denen der Alltag ihn unaufhörlich aufs Neue konfrontierte, hatten ihn kontinuierlich wachsen lassen, jeden Tag ein kleines bisschen, bis er irgendwann sogar ein winziges Stückchen über sein eigenes inneres Ich hinausragte.
Immer dann, wenn er wieder nach Hause kam und dieses behagliche, heimische Nest besuchte, merkte er, wie dieses Erblühen ihn von Mal zu Mal aufrechter und stolzer über die Türschwelle schreiten ließ, er allerdings nicht vergaß, dass er stets er selbst geblieben war und trotz seines Gepäcks voller Erlebnisse und Geschichten es nicht verlernte, zum Zentrum seiner Selbst zurückzukehren. Trotz aller Höhenflüge, die er als routinierter Passagier von Kurzstreckenflügen auch außerhalb des Flugzeugs erlebte, konnte er sich stets auf dieses in allen Lebenslagen verlässliche Element verlassen, das ihn erdete und somit verhinderte, dass er in abgehobene oder unwirkliche Sphären abdriftete.

Soeben wurde er in den Moment des aktuellen Geschehens zurückgeholt und bemerkte, wie das Taxi mit leicht erhöhter Geschwindigkeit die zahlreichen auf der Autobahn angelegten Baustellen passierte, was einerseits daran liegen konnte, dass der Feierabend des Fahrers immer näher rückte oder aber andererseits, dass dieser der sich zähflüssig gestaltenden Strecke überdrüssig war. Er hingegen stellte fest, dass sich keinerlei Groll oder Unmut gegen dieses eingeschränkte Vorankommen in ihm ausbreitete, sondern, dass er es nahezu genoss und auskostete, da es ihm so wie viele weitere kleine Details signalisierte, dass er auf dem Weg nach Hause war. Zu diesen gehörten unter anderem der Radiosprecher, der durch die Betonung seiner Worte und die Inhalte seiner Berichte seine Zugehörigkeit zu diesem bestimmten Landkreis nicht vertuschen konnte, dass das Schweigen der beiden Fahrzeuginsassen nicht ein Zeichen unfreundlichen Desinteresses sondern natürlicher aber zurückhaltender und distanzierter Herzlichkeit war, und dass das Lenkrad aufgrund der kräftigen, über die platte Umgebung fegenden Windböen gut festgehalten werden musste. Er ging sogar so weit zu vermuten, dass darüber hinaus eine durchgehend weiße Fahrbahnmarkierung statt der leuchtend gelben Schlangenlinien ihn nur verwirren oder verunsichern würde, ob er sich auch wirklich auf dem richtigen Weg befand. Sein Blick fiel auf die Autos auf der rechten Spur, die von ihrem Fahrzeug gemächlich aber bestimmt überholt wurden und deren Kennzeichen mit den Kürzeln seiner Heimatstadt oder umliegender Dörfer und Gemeinden beschriftet waren. Er war sich sicher, dass dieses Gefühl des nach Hause Kommens nur schwer mit irgendetwas Anderem auf der Welt zu vergleichen war. Der Schuhkarton in London war lediglich sein Wohnort gewesen, ein Heim, in das er sich gegebenenfalls zurückziehen konnte, in dem er unbeobachtet und ungestört Fertiggerichte erwärmen und diese in Unterwäsche verzehren konnte, während die unterschiedlichsten Serien ihn beschallten und er sich ungehemmt am Telefon über Kollegen, Kunden oder Vorgesetzte ausließ. Seinem wahrhaftigen Zuhause jedoch hatte es zu keiner Zeit auch nur ansatzweise geglichen.

Sein Zuhause besaß so viel Stärke, dass er es von überall auf der Welt aus vermissen konnte, egal wie viele tausend Kilometer er von ihm getrennt war. Es besaß so viel Kraft, dass es sein Herz erwärmen und zum Hüpfen bringen konnte, sobald er wusste, dass ein baldiges Wiedersehen bevorstand. Sein Zuhause war zum einen Teil aus Erinnerungen erbaut, sowohl positiven als auch negativen, die ihn zu demjenigen gemacht hatten, der er heute war, die ihn prägten und formten. Zum anderen Teil, und dies war der, der höchstwahrscheinlich umso wichtiger war, setzte sich sein Zuhause aus den liebevollen Menschen zusammen, die seine Familie und seine Freunde waren, welche ihn stets mit offenen Armen begrüßten. Sie waren diejenigen, die durch Geborgenheit, Verständnis und gütige Liebenswürdigkeit diesen Ort entstehen ließen und geschaffen hatten.
Vielleicht war war er in London manchmal einsam gewesen, hatte sich in den Stimmen des Zweifelns und des Frustes verloren, da es vor Ort teilweise niemanden gab, dem er sich persönlich und ganz unbefangen mitteilen konnte und auf diese Weise loswerden konnte, was ihn berührte oder bewegte, schlichtweg, was in seinen Gedanken vor sich ging. Doch jetzt, just in diesem Augenblick als er in einem Taxi saß, das für diese gewagten Überholmanöver auf verengter Fahrbahn eigentlich viel zu breit war, wurde es ihm deutlicher als jemals zuvor, dass er niemals allein gewesen war. Sein Zuhause hielt ihm den Rücken frei, ermöglichte es ihm, sich auszuprobieren, seinem Glück nachzujagen und egal, ob er erfolgreich würde oder scheitere, es würde ihn nicht fallen lassen oder zurückweisen, nicht über ihn urteilen, sondern es nähme ihn gnädig genauso an, wie er war, frei von jeglichem Druck oder Erwartungen. Auch wenn es ihm insgesamt immer gut gegangen war und er nichts ernsthaftes zu beklagen hatte, war er im Nachhinein mehr als dankbar dafür sowohl himmelhoch jauchzende Gipfel des Erfolges als auch belastende Talfahrten der Enttäuschung erfahren zu haben, da sich meistens erst in diesen heiklen und komplizierten Intermezzos herausstellte, wer oder was sein Fels in der Brandung war und ihm in diesen harten Phasen unter die Arme griff, sodass sein Kopf weiter über der Wasseroberfläche schwamm und nicht von Wellen aus vorübergehenden Problemen und Hürden untergetaucht wurde.

Komme, was kommen möge, die Fundamente seines Zuhauses waren so tief im Boden eingelassen, dass kein Sturm es jemals aus den Fugen reißen oder es ernsthaft schädigen konnte, sodass dieser sichere Hafen ihn stets in Zuversicht wiegen würde, obgleich es durchaus schwere Zeiten des Schreckens und der Erschütterung geben mochte.

Von Weitem begrüßte ihn eine rote Werbereklame aus Neonröhren, die durch die neblige und nasse Luft hindurchstrahlte und ihm mitteilte, dass er sich nun auf den letzten Kilometern seiner Reise befand. Die Straßenbeleuchtung der Stadt und die gelb blinkenden Lichter der nicht versiegenden Baustellen spiegelten sich auf dem vom Regen glänzenden Asphalt. Als er aus dem Seitenfenster blickte, erhellten die Scheinwerfer des Taxis das Ortseingangsschild und er war beeindruckt, welch abendliche Ruhe seine Heimatstadt vermittelte. Manchmal konnte Stille für ihn der größte Lärm überhaupt sein, der ihn unruhig und angespannt werden ließ. Es war durchaus möglich, dass dieses Pulsieren einer Metropole, an das er inzwischen mehr als gewohnt war, ihm einen bestimmten Takt vorgab, an dem er sich orientierte und dessen gleichmäßiger, schwungvoller Richtwert ihn rhythmisch einrahmte. Ab und zu jedoch war es für ihn einfach nur herrlich, sich all diesen unzähligen Beschallungen zu entziehen und sich an Stelle in die selige Ruhe eines umhüllenden Kokons zu begeben, in dem alles um ihn herum nur noch gefiltert und gedämpft zu hören war.

Als sie die Hauptstraße vorbei an Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden und Geschäftszeilen passierten, bot sich ihm vereinzelt die Sicht auf die durch orangerot scheinendes Kerzenlicht hervorgehobenen Silhouetten der Bewohner, deren weiche Schatten sich zwischen den Fensterrahmen hin und her bewegten. Er linste auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr und schloss durch die ihm mitgeteilte Uhrzeit darauf, dass diese ihm unbekannten Umrisse höchstwahrscheinlich gerade dabei waren, das Abendessen aufzudecken oder es bereits beendet hatten und dieses in gemütlichem Beisammensein ausklingen ließen. Nachdrücklicher als jemals zuvor vernahm er durch dieses sich ihm bietende Schauspiel die extraordinäre Schönheit dieses gesamten Konzeptes der altbekannten Wege und Horizonte, das seinen Körper mit einem unbeschreiblichen Gefühl erfüllte, welches er niemals auch nur im Entferntesten verspürt hatte, wenn er in London zu seinem persönlichen Schuhkarton zurückgekehrt war.

Konnte er überhaupt etwas verlieren, wenn er ein Zuhause hatte und wusste, dass die Menschen die ihn liebten, so, wie er war, stets auf ihn warteten, ihn immerzu auffangen und trösten würden und nie das sahen, was auf der Strecke geblieben war oder was hätte besser gemacht werden können, sondern welch würdevoller Weg bereits beschritten wurde? Er hatte bereits alles und die kleine Träne der Dankbarkeit, die seine Wange hinunter kullerte sowie die ihn durchziehende, sprachlos stimmende Rührung ließen für diesen einen Augenblick seinen Verstand schweigen und ihn umso deutlicher spüren, wie wahrhaftige Glückseligkeit sich anfühlte. Es war keine Selbstverständlichkeit. Es war eine pure Kostbarkeit, die er nun viel bewusster als je zuvor  ehren und schätzen wollte.
Das Taxi rollte dem Zielort die letzten Meter entgegen und er deutete dem Fahrer, wo dieser am besten halten und wenden könne. Er sammelte sich, stieg aus dem Wagen, nahm sein Gepäck aus dem Kofferraum und bezahlte den Fahrer großzügig, in der Hoffnung, dass dieser nun seinem wohlverdienten Feierabend entgegenfahren konnte. Noch für einige Sekunden blickte er den leuchtenden Rücklichtern und den qualmenden Abgaswolken hinterher, ehe er sich umdrehte, den relativ hohen Bordstein samt seines Koffers überwand und sich mit einem breiten Lächeln Schritt für Schritt der wohlbekannten Umgebung und Atmosphäre nährte und merkte, wie er langsam aber sicher eins mit ihnen wurde. Manches war so schön, dass es nie einer Veränderung bedurfte. Manches war so simpel, dass es einige Zeit brauchte, bis er es begreifen konnte. Manches war so vollkommen, dass er es kaum fassen konnte, ein Teil davon zu sein.

Eli Unterschrift


Beitragsbild: by Hat Creative on Unsplash

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