Black coffee is filled into a mug with the caption "ugh"

Du bist so blass, trägst du noch deine Halloween-Maske?


„Haben Sie noch einen Wunsch?“

So oft schon habe ich diesen Satz gehört. Wenn ich im Café meine Bestellung mitteile, in einem Kaufhaus nach etwas Bestimmten frage oder auch gerne dann, wenn ich in der Apotheke Nasentropfen oder Ähnliches kaufe. Ja, denke ich dann. Ich habe viele Wünsche. So, wie wir alle wahrscheinlich.
Ein Pony. Noch ein Pony. Eine Ziege für die Ponys zum Spielen. Einen Hund. Ein Landgut mit Platz für die ganzen Tierchen…
Worauf ich hinaus möchte: Keine der Personen, die mich fragt, ob ich noch einen Wunsch habe, wird ernsthaftes Interesse an meinen tatsächlichen Befindlichkeiten haben. Es handelt sich um eine verhältnismäßig leere Äußerung, die ihr konkretes Ziel verfehlt.
Ich habe also mal wieder beobachte oder viel mehr zugehört. Manche Phrasen, die sich in unseren alltäglichen Gebrauch geschlichen haben, finde ich inzwischen sehr unterhaltsam, vor allem dann, wenn man sie ganz wahrheitsgemäß beantworten würde.
Was nun folgt, ist eine Auflistung dieses zu hinterfragenden Sprachgebrauchs und eine Unterteilung in verschiedene Kategorien.

Vorweg: Ich schreibe hier über Erlebnisse, die ich selbst beobachtet habe. Ich gehe nicht davon aus, dass ich immer alles perfekt formuliere. Ich möchte nur ein Bewusstsein für die Bedeutsamkeit von Worten wecken.

1) Entwertende Partikel (nein, kein Feinstaub)

„Aber“

Ein so kurzes Wort, das doch so viel Kraft besitzt. Mir ist schon oft aufgefallen, dass es gerne verwendet wird, um etwas Positives mit etwas Negativem zu verbinden. Was Schwachsinn ist, da ein aber gerne den komplett vorangestellten Satzteil untergräbt.

„Die Ausarbeitung der historischen Einordnung war sehr gut, aber ich hätte mir noch mehr Informationen zu xy gewünscht.“

Na, wer findet das versteckte Kompliment? Die Ausarbeitung der historischen Einordnung war also sehr gut, doch wird diese Aussage kaum bei dem Empfänger ankommen, da das aber dieses Lob verschwinden lässt und stattdessen den Mangel zusätzlich unterstreicht. Gelungener wäre also folgende Version.

„Die Ausarbeitung der historischen Einordnung war sehr gut (optional: und ist zu loben).
Leider muss ich kritisieren, dass xy zu kurz gekommen ist.“

Zwei Sätze, zwei unterschiedliche Themen. So viel Zeit muss sein.

2) Pauschalisierende Adverbien

„Immer“
„Nie“
„Alles“

Verallgemeinerungen sind so schön, weil sie so einfach sind. Meistens werden sie durch kleine Adverbien hervorgerufen, die dem Sender vielleicht nicht unbedingt bewusst sind.

„Du machst das immer.“ (zum Beispiel unangenehm rülpsen)
„Du machst das nie.“ (zum Beispiel den Abwasch)

Hui, in diesen Beispielen schwingt eine erdrückende Form der Unendlichkeit mit. Wem so etwas gesagt wird, entsteht der Eindruck, dass die Situation wirklich sehr schlimm ist, eine Änderung aber unmöglich scheint. Mit diesen Äußerungen wird bei unserem Gegenüber wohl höchstens eine Abwehrhaltung erreicht. Frei nach dem Motto: Wenn ich doch immer alles falsch mache und nie etwas richtig, warum sollte ich dann überhaupt versuchen, etwas zu ändern?
Stattdessen wäre es besser, eine mögliche Lösung für das Problem zu benennen, ohne sofort davon auszugehen, dass die andere Person für diesen Schritt nicht in der Lage ist. Welche Veränderung wünsche ich mir?

„Ich möchte, dass wir uns mit dem Abwaschen abwechseln.“

Nenne es beim Namen. Dies ist zwar deutlich anstrengender, da es Aufmerksamkeit und Reflexion bedarf, dafür aber auch umso wirkungsvoller. Ermutigung statt Entmutigung,

3) Phrasen, die uns auf das äußere Erscheinungsbild reduzieren

Was folgt sind Sätze, die viele bestimmt schon mindestens ein Mal gehört haben, die niemand aber gerne hören mag.

„Du bist so blass.“ (Ich wurde einmal gefragt, ob ich noch meine Halloween-Maske aufhabe)
„Du siehst aber müde aus.“
„Du bist aber dünn geworden.“ (manche hören diesen Satz vielleicht gerne, ich meine aber einen klapprigen, nicht gesunden Zustand)

Was haben diese Sätze alle gemeinsam? Sie suggerieren, dass wir irgendwie scheiße aussehen und lassen uns dadurch nicht gerade fabulös fühlen. Stattdessen kommt es natürlich mal wieder zur Abwehrhaltung. Die ursprünglich intendierten, gut gemeinten und indirekt formulierten Kernaussagen dringen nicht mehr zu uns durch. Wir wollen uns gar nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen. Dabei wollte unser Gesprächspartner uns doch eigentlich nur fragen, wie es uns geht, was sehr nett und fürsorglich ist. Warum also ist er dieser Äußerung ausgewichen?
Auch hier plädiere ich für Direktheit, und zwar eine andere als die, die in diesen Beispielen bereits vorhanden ist. Geht zusammen einen Tee oder Kaffee trinken und plaudert. Unterhaltet euch über Inhalte und lasst diese Äußerlichkeiten beiseite.

4) Fragwürdige Floskeln

„Hatten Sie eine gute Reise?“
„Das soll es sein?“

Wer kennt es nicht? Die Anreise war der reinste Horror, man hofft innständig, dass das Zimmer bezugsfertig ist, da man dringend auf Toilette muss und sich umziehen möchte. An der Rezeption eines Hotels beispielsweise wird dann der Standardsatz „Hatten sie eine gute Reise“ gedropt. Als Icebreaker für den ersten Smalltalk. Eigentlich ist dieser Satz ja auch gut gemeint, zielt jedoch auf das Falsche ab.

„Ich dachte, ich würde beim Flug sterben, hab schon die letzten SMS an meine Freunde verschickt und hinter mir hat sich 4 Stunden lang jemand übergeben. Dann stimmte etwas bei der Buchung unseres Mietwagens nicht, wir waren zwei Stunden lang damit beschäftigt die Sache zu klären, obwohl bereits alles bezahlt war. Dann waren die Akkus der Handys leer, wir haben uns 20 Mal verfahren, weil das Navi im Auto total veraltet war, die meisten Straßen gab es also gar nicht mehr. Wenn wir nicht gerade im Stau standen, wurden wir fast von LKWs überrollt, die uns geschnitten hatten. Wir haben Hunger, ich stinke wie ein Iltis und wir haben in dem Stress zwei Mal darüber nachgedacht, uns scheiden zu lassen. Aber ansonsten war’s ganz ok.“

Das würde wohl niemand antworten, auch, wenn es (zumindest in Teilen) der Wahrheit entspricht. Stattdessen wird man an die schlimme Anreise erinnert, lächelt gequält und ist nicht mehr bereit für mehr Kommunikation als nötig. Der Satz „Willkommen bei uns, schön, dass Sie da sind!“, hat dagegen doch eine ganze andere Wirkung.

Der nächste Satz ist mein heimlicher Favorit. Ich erlebe es oft, wenn ich beim Bummeln etwas gefunden habe und schließlich bezahlen möchte. Dann gehe ich ganz stolz zur Kasse, zücke mein Portemonnaie hervor und werde gefragt: „Das soll es sein?“
Meistens sage ich einfach nur „ja“ und spiele im Kopf andere Szenarien durch. „Nein, ich möchte das nicht haben, das wollte ich Sie nur wissen lassen“, „mir gefällt das hier überhaupt nicht, deswegen lege ich es hier an die Kasse“, „ich möchte etwas anderes kaufen, lege ihnen das Teil hier aber hin, um Sie darauf hinzuweisen, dass es das gewiss nicht sein soll“.
Ich verstehe diesen Satz in diesem Zusammenhang einfach nicht. Was wäre die Alternative? Damit tue ich mich ehrlich gesagt schwer. „Das ist alles?“, löst irgendwie eine Art Kaufzwang aus, so, als habe man zu wenig gefunden. Vielleicht reicht in diesem Fall auch ein einfaches „Guten Tag“ mit anschließender Abwicklung der Tätigkeit, wer weiß.

Das sind meine verschiedenen Kategorien soweit. Ich werde aber weiterhin die Ohren aufhalten. Ich bin schon gespannt, was sich noch alles heraushören lässt.

Sehr interessant fände ich auch eure Erfahrungen und Anregungen. Also immer her damit!

Beitragsbild: Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

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