Aus Liebe zu mir selbst

Mein Gepäck zog mich wie schwere Gewichte dem Erdboden entgegen, so, als wollte es meine Abreise verzögern und mich aufhalten. Oder bildete ich mir das nur ein? Am Bahnhof war bereits eine Menge los und ich reihte mich in der langen Schlange vor dem Ticket-Schalter ein. Ich wusste genau, wohin ich sollte. Oder viel mehr, wo man mich erwarten würde. Aber was waren überhaupt meine eigenen Erwartungen? Hatte mich das in letzter Zeit jemals irgendwer gefragt? Ich musste einen Schritt beiseite treten, da ich beinahe von einer Gruppe junger Mädels überrollt worden wäre. Sie hatten allesamt Blumen in den Haaren und trugen T-Shirts mit dem Aufdruck Tina’s Squad. Eine von ihnen war darüber hinaus mit einem Krönchen und einer Schärpe dekoriert, auf der Bride to be stand. Toll. Das waren also die Ergebnisse jahrhundertelanger Kämpfe für die Rechte und Gleichberechtigung von Frauen. Heutzutage schien sich so gut wie jede als Feministin zu sehen, auch dafür gab es ja T-Shirts mit dem Slogan Feminist. Aber auf die perfekte Hochzeit inklusive Tüll und Schleppe ohne Ende wollte dann doch niemand verzichten. Am liebsten hätte ich den Mädels direkt gesagt, dass sie ihre Party besser in vollen Zügen genossen, der Alltag würde sie schon schnell genug einholen.

Aber woher kamen meine wütenden Gedanken? War ich wirklich sozialkritisch oder einfach nur neidisch? Aber warum sollte ich letzteres sein? Schließlich gab es keinen nachvollziehbaren Grund für Eifersüchteleien meinerseits. Ich wollte aktuell nur nicht heiraten. Blitzartig überkam mich ein überwältigender Hitzeanfall. Man konnte ein Leben lang in seinem Körper verbringen und trotzdem tanzten die Hormone einem je nach Belieben auf der Nase herum. Schnell öffnete ich meine Jacke und kramte einen Fächer aus meiner Handtasche hervor. Lag dieser plötzliche Wärmeanfall am milden Herbst oder war diese beklemmende Situation, in der ich mich gerade befand, für meinen Zustand verantwortlich? Aber ich war doch keine Teenie mehr! Dennoch rotierten meine Gedanken, tanzten wilde Purzelbäume in meinem Kopf und ich konnte sie weder kontrollieren noch abschalten.

Meine Hand löste sich vom Griff des Koffers und ich betrachtete sie eindringlich. Ich trug ihn noch immer und ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Mein Ehering erinnerte mich immer wieder an schöne, aber auch an anstrengende Zeiten. Habe ich mir damals je so viele Gedanken gemacht wie jetzt in diesem Moment? Ich habe doch einfach nur das getan, was sich gut angefühlt hat. Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gemacht habe, aber wer konnte das schon von sich behaupten? Doch ich habe immer aus dem richtigen Grund gehandelt, nämlich aus Liebe. Liebe meinem Mann gegenüber. Aus Liebe zu meinen Kindern. Liebe für das Leben und welches wir führen durften. Ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Ein Zeichen meiner tiefen Verbundenheit zu dem Menschen, mit dem ich die meiste meiner Zeit verbracht habe. Aber er war nicht mehr hier, nicht mehr bei mir, in diesem bunten Karussell des Trubels und der Unbegreiflichkeiten, sondern er lebte nur noch in meinem Herzen und in meinen Erinnerungen.

„Sei vernünftig und komm zu uns nach Lüneburg“, hatte meine Tochter gesagt. Es war lieb von ihr, fürsorglich. Doch ich wollte nicht, dass sich ein Kind um ihre Mutter kümmerte. Das war meiner Meinung nach wider der Natur.
„Bei uns kannst du ebenerdig wohnen, dann musst du dich nicht mehr mit den lästigen Treppen abmühen!“ Na danke auch. Ich fand die Treppen gar nicht schlecht um fit zu bleiben und es kam durchaus vor, dass ich in Einkaufszentren oder sonst irgendwo so manche jungen Hüpfer überholte. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis ich lästig werden würde und man sich dazu entschied, ein nettes Plätzchen in einem Seniorenheim für mich zu suchen.

„Das Haus ist jetzt doch viel zu groß und einsam für dich.“
Dafür war ich aber auch viel mehr unterwegs als früher. Ich hatte ein Abo für das Theater, ging gerne in Kunstausstellungen oder Cafés, traf mich regelmäßig mit den Mitgliedern des Bücherclubs und half bei der Organisation von verschiedenen wohltätigen Veranstaltungen. Doch ich hatte das Gefühl, mehr und mehr in eine Schublade einsortiert worden zu sein. Mit einem Schlag empfand man mich als alt und gebrechlich, so, als müsste man mir rund um die Uhr helfen, ein Lätzchen umbinden und bei alltäglichen Banalitäten unterstützen. So weit war ich gewiss noch lange nicht.

Ich war noch keine alte Schachtel. Und ich hatte jemanden kennengelernt.
„Aber du kennst ihn doch kaum!“, hatte meine Tochter besorgt eingewandt. „Er lebt in England, das ist doch verrückt!“
Nun machte sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit. Diese Szene hatte sich ähnlich auch oft in der Vergangenheit zwischen mir und meiner Tochter abgespielt. Doch zu dieser Zeit hatte ich die Rolle der beschützenden Spielverderberin eingenommen.
„Verrückt und unvernünftig…“, murmelte ich leise vor mich hin. Das hörte sich eigentlich ganz gut an. Ich war doch bereits mein ganzes Leben darum bemüht gewesen, vernünftig zu sein. Ich habe meine Kinder großgezogen, meinen Mann vor den Schlimmsten Angewohnheiten bewahrt, (alle) meine Steuern gezahlt und nicht einmal dem Drang nachgegeben, etwas über das Teleshopping zu bestellen. Weil ich es damals so wollte und eine gewisse Verantwortung hatte.

Und jetzt? Die Gruppe junger Mädels verließ den Schalter rechts von mir. In meiner Reihe war ich als Nächste dran. Ich beobachtete, wie eine von den jungen Frauen eine Flasche Sekt aus ihrem Rucksack hervorholte und sich und ihren Freundinnen einen ordentlichen Schluck in Pappbecher einschenkte. „Auf einen unvergesslichen Junggesellinnen-Abschied, wuhu!“, rief sie euphorisch. „Und was in Hamburg passiert, bleibt in Hamburg…“
Berauscht und kichernd machte die Truppe sich auf den Weg zu den Gleisen und sämtliche Anwesenden ließen sich von dem Spektakel kurz ablenken.

„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte mich der junge Mann hinter dem Tresen noch leicht irritiert. Ich zögerte einen Moment. Lüneburg war die sichere Bank, die logische Konsequenz. England hingegen war die Versuchung, abenteuerlich und ein bisschen verwegen. Ich dachte an meinen lieben Mann und wusste, dass er ohne zu Zweifeln nach England gegangen wäre. Er wollte nicht vor sich hinvegetieren, sich langweilen oder verstauben. Ganz im Gegenteil hätte er Tina’s Squad lustig gefunden und mit ihnen gemeinsam einen Sekt getrunken. Er wollte nicht drei Mal täglich mit Brei gefüttert werden, vor der Flimmerkiste abgesetzt werden oder sich mit anderen Dinosauriern, wie er sie genannt hatte, immer wieder über längst vergangene Tage schwatzen. Er hätte um nichts in der Welt auf diese Art und Weise langsam und kaum merkbar immer farbloser werden wollen.

Und Gleiches hatte er sich für mich gewünscht. Doch vor allem wünschte ich es mir auch.
„Zum Flughafen nach Hamburg“, teilte ich dem Bahnmitarbeiter stolz mit. Aus Freude am Leben. Aus Liebe zu mir selbst.

Beitragsbild: Photo by Martin David on Unsplash

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