Der ungefilterte Blick in den Spiegel

Das Wort Wahrheit allein, weder lang noch kompliziert, birgt doch so viel in sich, dass es wohl in einigen Situationen für das Auftreten von Unsicherheit oder Überforderung führen kann.
Vielleicht wirst du dich jetzt wundern und mir verdutzt entgegnen, dass doch alles, was uns umgibt, wahrhaftig ist und ich aufpassen sollte, nicht durch extremes Zweifeln und Hinterfragen unsere gesamte Welt zu verleumden. Deine Reaktion ist verständlich, dein Gedanke mehr als plausibel, trotzdem bitte ich dich, mir für einen kurzen Augenblick deine wertvolle Zeit zu schenken, um dich in meinen eigenen, persönlichen Kosmos entführen zu lassen, in dem ich nach der Anerkennung und Bewunderung anderer suchte und schließlich, anders als ich es erwartet hatte, die Pluralität des Wortes Wahrheit fand. Da du einwilligst, beginnt nun die Reise zu verrückten Orten und abgehobenen Sphären, die mich einst formten, ehe sie mich eine bittere Lektion lehrten, für die ich trotzdem mehr als dankbar bin. Doch ich greife vor und das sollte ich tunlichst vermeiden, also setzen wir direkt am Anfang an, dort, wo der Startschuss für meine ereignisreiche Entwicklung fiel.

Ich war zu geraumer Zeit in diesem jungen, schwierigen Alter, in dem es nur schwarz oder weiß zu geben scheint. Ich gab mir unendlich große Mühe, irgendwo dazu zugehören, zu welcher Seite war mir vorerst tatsächlich egal, doch so wie ich nunmal war, schien ich nirgends reinzupassen, sondern ich verschwand unglücklicherweise in einem verlorenen, traurigen grau. Man ließ es mich deutlich spüren, dass etwas mit mir nicht stimmte, so wurde ich stets mit der Beschreibung komisch definiert und sehnte mich tagtäglich ausschließlich danach, auf irgendeine Weise trotzdem angenommen und akzeptiert zu werden, um ebenfalls in den Genuss des Bads in der Beliebtheit zu kommen. Die Realität jedoch war eine andere, sie umhüllte mich nicht mit Zugehörigkeit, stattdessen spürte ich die Völle der Verlorenheit des menschlichen Daseins im Unglücklichsein und in der Einsamkeit, denn vielleicht weißt auch du, zu welch einer herzzerreißenden Dramatik eine jugendliche Seele fähig ist.

Ich war oft allein in meinem Zimmer und in meinen Gedanken, bis eine kleine Entscheidung in Zusammenspiel mit diversen äußeren Faktoren für eine gehörige Veränderung meiner Situation sorgen sollte.
Ich blickte in den Spiegel, der in meinem Zimmer direkt neben meiner Kommode stand, und sah dort nichts von dem, was gewünscht oder gepriesen wurde, nichts von dem, was diejenigen mächtigen Menschen, wer auch immer sich genau hinter ihnen verbergen mochte, als schön oder erfolgreich festgelegt hatten. Mich überkam ein lähmender Frust, er vereinnahmte meinen gesamten Körper, da ich nichts ändern konnte an diesen niederschmetternden Umständen und ich ohnmächtig gegenüber dieser Probleme war. Oder konnte ich doch etwas ändern?

Mir kam eine ganz spontane Idee und einen Versuch war es allemal wert, also nahm ich mein Handy vom Nachtisch und mit der geballten Kraft jeglicher Filter und Apps, die ich mir sogleich anschaffte, konnte ich an alten Fotos von mir herumdoktern. Es war so leicht, ich musste lediglich mit meinem Zeigefinger über diverse Regler auf dem Display wischen und schon konnte ich beispielsweise unerwünschte Äußerlichkeiten wegzaubern oder auch dies oder das hinzufügen, wo gar etwas fehlte. Zunächst war dieser Zeitvertreib nur eine harmlose Spielerei, um mich in eine perfekte Traumwelt zu flüchten, doch ich erreichte einen Punkt, der mir das Gefühl gab, ich hätte eine solch aufgehübschte und strahlende Version von mir selbst geschaffen, dass dieses Bildnis bereit für die Konfrontation mit der Außenwelt war. Es bedurfte keinerlei Anstrengung, nur eines einzigen Klicks, um mein soeben produziertes Werk mit der gesamten Welt zu teilen. Hätte ich meinen Mut für die Ausführung dieser Handlung nie zusammengenommen, hätte ich nie erfahren, welch weitreichende Auswirkungen eine solch simple Tat haben kann. Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Feuerwerk der Überwältigung mich erfüllte, als die ersten Herzchen und wohlwollenden Kommentare unter meinem Bild aufpoppten. Ich wurde geliked und kommentiert, ich verschwand nicht mehr in meiner bedauernswerten Einsamkeit, sondern ich wurde endlich gesehen und wahrgenommen, als ein wertvolles Individuum.

Es gab da draußen Menschen, denen ich gefiel, oder zumindest hatte ich etwas hervorgebracht und gab vor, etwas zu sein, das ihren Zuspruch erntete. Ich erkannte schnell, dass ich einen Weg aus der unheilvollen Sackgasse inmitten der Ödnis meines Alltags herausgefunden hatte und sich plötzlich vor mir das offene, schrankenlose Meer erstreckte, in dem nun auch ich mein eigens Boot genau dorthin steuern konnte, wo auch immer ich wollte. Ich pflegte meinen Account mit sorgfältiger Regelmäßigkeit und von Tag zu Tag stießen mehr und neue Menschen auf meine kleine Wunderwelt. Die Verkündungen von Komplimenten und Wertschätzungen nahmen stetig zu, durch welche ich mich nährte und die meinen Mantel aus Selbstbewusstsein dicker und kräftiger werden ließen.
Dieser schützende Hafen schenkte mir Kraft und Geborgenheit und allein das Wissen über seine Existenz machte mir so manche unschönen Szenarien, die ich ganz ungefiltert und ohne Schutzschild vor meiner Brust, sodass einige Attacken direkt in mein Herz trafen, erträglicher. Ich konnte einen wirklich miesen Tag gehabt haben, begleitet von heimlich geflossenen Tränen und einer vor Sorge in Falten gelegten Stirn, am Ende vergaß ich dieses zeitgebundene Leid, wenn ich Fotos schoss, sie bearbeitete und veröffentlichte. Ich verfasste Texte unter meinen Beiträgen, die immerzu glücklich, positiv und motivierend waren, auch wenn diese von einem Häufchen Elend ausgingen, das meistens mit roten, geschwollenen Augen und hängendem Kopf auf seiner Bettkante saß. Ich hatte meine persönliche Märchenwelt gefunden, in der ich nach eigenem Gutdünken träumen und fantasieren konnte. Das fatale und törichte an dieser gesamten Geschichte jedoch war, dass ich irgendwann begann, genau diese Märchenwelt für die Realität und für wahrhaftig zu halten, während die Stunden außerhalb des Radius meines Mobiltelefons mir unecht und nahezu falsch erschienen. Mein wahres Ich begann in und auf diesen Bildern zu leben, erhalten durch das Stützkorsett aus Daumen, die nach oben zeigten und Followern. Für dich mag sich dieser Drahtseilakt zwischen zwei Extremen grotesk anhören, doch ich kann dir versichern, dass dieses Ventil, das ich für mich gefunden hatte, zumindest für eine Weile dafür sorgte, dass ich nicht meinen Verstand verlor. Wie es allerdings so schön heißt, währt nichts im Leben ewig und auch für mich war irgendwann der Punkt gekommen, an dem sich alles Mögliche änderte.

Ein neuer Abschnitt war erreicht und ich kehrte dieser einfältigen, undankbaren Stadt, in der ich lebte seit ich denken konnte den Rücken zu und wagte mich in fernes Terrain. Ein komplett neues, unbekanntes Universum wartete bereits auf mich und diese Tatsache hätte mich frei und unbefangen werden lassen können, doch stattdessen verspürte ich lediglich erdrückende Angst und Unsicherheit in mir. Je mehr mich diese Befürchtungen umschlossen wie ein eisiges Gefängnis aus Selbstzweifeln, desto intensiver flüchtete ich mich in meine eigens aufgebaute, heile Welt der illusionierten Perfektion und sog all meine Energie aus sämtlichen virtuellen Anerkennungen und getippten Lobeshymnen.
Inzwischen merkte ich, dass ich selbst zwar da war, doch gleichzeitig war ich auch unendlich weit weg von mir selbst und so schoss sie mir blitzartig in den Kopf, die Frage, wer genau mein wirkliches Ich, mein wahres Ich tatsächlich war, was mich ausmachte und was ich beim Kennenlernen neuer Menschen von mir und über mich erzählen konnte?

Ich befand mich nicht mehr in meinem alten Kinderzimmer, in dem ich bis dahin die unterschiedlichsten Phasen durchlebt und durchlitten hatte, sondern das hier war ein neuer Raum, der sich um einiges weiter erstreckte als die vier Wände, die mich umgaben, um mich herum lebten mir unbekannte Menschen und die außergewöhnlichsten Inhalte strömten jeden Tag auf mich ein. Ich hatte es satt die Person zu sein, die sich in einem Zimmer einigelte und deren Freizeit darin bestand, von der Bettkante aus die aberwitzigsten Darstellungen und Weisheiten zu verbreiten, die rein gar nichts mit meiner Realität zu tun hatten. Wutentbrannt warf ich mein Handy, dieses Wunderwerk der Täuschung, in die Ecke und eilte ins Badezimmer, dorthin, wo mein einziger Spiegel hing. Ich hatte es über Jahre hinweg so gut es ging vermieden, mich selbst zu betrachten, ich hatte es mir angewöhnt und antrainiert meinen eigenen Blicken auszuweichen, doch was war das eigentlich für ein Irrsinn? Wie sollte ich denn überhaupt richtig leben, wenn ich nicht wusste, wer ich selbst war und es mich anstrengte, mit mir selbst zurechtzukommen?
Eine Weile stand ich einfach nur da. Ich dachte an nichts, urteilte nicht, sondern schaute mich einfach nur an. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich zu dem Schluss, dass dieses Ich, das mir leibhaftig gegenüberstand, nicht die geringste Gemeinsamkeit mit meiner auf Hochglanz polierten, oder eher gefälschten Inszenierung für die sozialen Netzwerke zu tun hatte. Ich erinnerte mich daran, wie ich bereits als Kind Lügen hasste und sah der erschütternden Tatsache ins Gesicht, dass ich inzwischen selbst zu einer geworden war. Natürlich hatte ich meine Erklärungen und Gründe dafür, warum all dies so gekommen war, denn ich hatte versucht, einer Vorstellung anderer zu entsprechen, die sich mit der meinen leider nicht deckte. Ich ging davon aus, dass ich ausschließlich dort mein Glück finden können würde und stumpfte immer mehr ab, was das Zuhören meiner inneren Stimme betraf. Ab diesem besonderen Tag jedoch hörte ich eben diese Stimme wieder lauter als jemals zuvor. Sie fragte mich, ob ich wusste, welche Anschauung des Lebens die richtige war? Wie konnte ich sicher sein, dass es einer bestimmten Lebensführung oder Einstellung zu folgen galt, nur, weil sie den Zuspruch der meisten Menschen erhielt? Erscheinungen blieben Erscheinungen und hinter diesen verbarg sich der viel wichtigere, tatsächliche Kern, den es aufzudecken galt. Vielleicht war dies kein leichtes Unterfangen, doch man konnte sich stets bemühen, schließlich versteckte sich hinter jeder Fassade eine Realität. Zwar war es möglich, dass jedem eine gleiche Sache auf eine unterschiedliche Weise erschien, doch schloss dies nicht aus, dass eben diese Sache einen Fakt in sich trug, der der Wahrheit entsprach.

Mit Sicherheit war es nicht zu umgehen, dass diese verschiedensten Eindrücke, die während des Lebens in einer Gesellschaft auf die unterschiedlichsten Personen einströmten, aneinander rieben und auf Widerstand stießen, deshalb erst war es notwenig geworden, sich abzustimmen und darin übereinzukommen, welche Normen in den verschiedensten Bereichen gelten sollten. Es entstanden Richtlinien, die beispielsweise festlegten, was moralisch gut, was rechtens, was unterstützenswert oder eben auch was schön war. Es kam mir so vor, als brauchten die Menschen diesen Halt und diese Sicherheit, um zu wissen, wem oder was sie nacheifern sollten, welches Ideal es zu erreichen galt und um ihnen zu zeigen, woran sich generell orientiert werden konnte. Eine solche Orientierung musste nicht zwangsweise etwas Schlechtes sein, doch ich hatte den Eindruck, als wollten die Menschen nur zu gerne vergessen, dass Chaos und Unordnung genauso in der Welt herrschten. War es nicht in meinem Fall so gewesen, dass ich den Störfaktor in Form meiner Andersartigkeit verkörperte, schlicht nicht in ihr Weltbild passte und daher zur Zielscheibe ihres Unmutes geworden war? Sie waren geblendet, geblendet davon, dass sie angeblich wussten, was die einzig richtige Lebensform war, in der ich nicht vorkam, doch ich war mindestens genauso blind wie sie. Ich hatte versucht, mich ihren Vorstellungen anzunähern und es auf gewisse Weise durch meine Posts sogar geschafft, doch auf diesem Wege hatte ich mich immer mehr von mir selbst entfremdet, um in ein vorgegebenes Schema anderer zu passen. Ich hatte erlebt, dass es in dieser Scheinwelt nicht darum ging, wer ich in Wirklichkeit war, sondern lediglich darum, was ich verkörperte und darstellte. Nun sah ich ein, wie gefährlich und wie einfach es sein konnte, eine Lüge zu erschaffen und diese als Wahrheit zu verkaufen, an die andere glaubten, wenn sich niemand für die wahren Fakten zu interessieren schien.

Warum war es nötig, dass ich mir erst eine Maske aufsetzte und mich komplett verstellen musste, dass ich mich selbst verlieren musste, um dann von einer breiten Masse an Unbekannten Zuspruch und Anerkennung zu erhalten?
Erst jetzt nahm ich wie aus dem Nichts mich selbst wieder klar und deutlich wahr und kam zu dem Schluss, dass es für mich nicht richtig war, ein solches Versteckspiel zu betreiben, nur um den Vorstellungen Fremder zu genügen. Tief in mir hatte ich meine eigenen Werte und Normen, die ich wieder neu aufleben lassen wollte und die mir wichtiger waren als jede erdenkliche Oberflächlichkeit. Vielleicht war ich anders, vielleicht war ich das Chaos, doch vielleicht waren die anderen auch nur beschränkt in ihrem Geiste und in ihren Möglichkeiten, denn so wie ich es erlebt habe, kann das Leben nur verarmen und erstarren, wenn man sich auf Einheitliches, Allgemeines oder Durchschnittliches reduziert.
Ich fing an, mich mit dem Gedanken anzufreunden, selbst der Unterschied zu sein und zu mir zu stehen, denn eine andere Version konnte ich in der Realität nicht darstellen. Genau auf diese Weise war ich die einzige Wahrheit. Außerdem konnte ich zeigen, dass es Platz für all jene gab, die ähnlich wie ich empfanden.

Früher war ich davon ausgegangen, dass ich selbst mich ändern musste, um toleriert zu werden. Mittlerweile denke ich jedoch, dass es die Aufgabe von allen ist, Unterschiede und Andersartigkeiten zu akzeptieren. Schließlich hängt es auch immer von den zweckorientierten Menschen ab, was in ihren eigens festgesetzten Richtlinien als Norm gilt und was von dieser abweicht.
Meine Erfahrungen, die ich in meiner inszenierten Welt sammeln durfte, haben mir gezeigt, dass Menschen meistens nur das glauben, was sie sehen, auch dann, wenn es in einem Widerspruch zur Wahrheit steht. Vor allem reine Erscheinungen sollten mit den Fakten der Realität abgeglichen werden, um den Wahrheitsgehalt dieser prüfen zu können.

Anders als du es möglicherweise erwartet oder erhofft hattest, kann ich dir hier nicht darlegen, was genau wahr ist und was nicht. Ich kann dich lediglich darauf aufmerksam machen, dass du dich oft in Situationen befinden wirst, in denen man dir mehrere Varianten der Wahrheit schmackhaft machen möchte. Entscheiden, woran du glauben möchtest, musst du selbst. Ich kann dir allerdings nur raten, dich an die Fakten zu halten. Oftmals werden sie vertuscht oder unter den Teppich gekehrt, so wie es bei mir ebenfalls passiert war, doch gelingt es dir, sie aufzudecken, sind sie innerhalb der Reise zur Wahrheit deine besten Wegbegleiter.
Glaube nicht nur das, was du siehst, denn hinter den Dingen steckt oftmals eine ganz andere Wahrheit.

Beitragsbild: Photo by Prateek Katyal on Unsplash

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