Gedanken im Wartezimmer

Das halbe Leben besteht aus Warten… Oder vielleicht doch eher 80% des Lebens? Ich habe auf jeden Fall mal wieder gewartet. Und es war wirklich nicht sonderlich schön. Perfekt, um dieses „Erlebnis“ mit anderen zu teilen.
Hier geht es zu Teil I von „Sich beim Anstehen anstellen“: http://elis-logbuch.de/2018/05/16/sich-beim-anstehen-anstellen/

Ok, wow. Manchmal ist die Planung einfach nur miserabel, sodass diese höchstwahrscheinlich der Auslöser für allen möglichen Unmut ist. Irgendwie gibt es doch immer Dinge, die verbessert werden könnten. Zum Beispiel den Patienten Bescheid sagen, dass es ausreicht, wenn sie ab 13 Uhr in die Praxis zurückkommen. Schließlich ist der Arzt ebenfalls erst ab 13 Uhr wieder im Haus. Macht Sinn. Aber gut, dieses kleine Detail wurde außen vor gelassen und nun werde ich wohl oder übel noch ein Weilchen in dem muckeligen Wartezimmer verharren müssen. Ich drücke die Türklinke hinunter und frage mich noch im selben Moment, ob ich die Anwesenden begrüßen soll oder nicht? Die einstige Äußerung einer meiner Englisch-Dozenten kommt mir ins Gedächtnis und verunsichert mich.
„Also wenn Sie in England ein Wartezimmer betreten und die anderen grüßen, halten die Sie für übergeschnappt. Das würde niemals jemand tun!“

Ich murmle etwas mit geschlossenem Mund. Es hätte auch ein Husten oder Räuspern sein können, doch jetzt bin ich auf der sicheren Seite. Mit diesem Bossmove habe ich quasi gleichzeitig gegrüßt und es doch vermieden. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück, also wird mit denselben akustisch undefinierbaren Lauten auf mich reagiert.

Jetzt heißt es nur noch abwarten und Tee trinken. Doch leider gibt es hier keinen Tee. Ich beginne sofort mich zu langweilen und mir fällt auf, wie unbequem diese Stühle eigentlich sind. Die Sitzfläche drückt unangenehm in meine Oberschenkel und nach kurzer Zeit fangen meine Füße an zu kribbeln. Verzweifelt rutsche ich auf dem Stuhl hin und her, doch mir ist bereits klar, dass es unmöglich sein wird, nur ansatzweise eine bequeme Position einzunehmen. Mein Sitznachbar schielt bereits genervt zu mir, so, als habe er es leid, dass ich mich in diesem öffentlichen Raum einfach nicht beherrschen kann. Ein allgemeines Geseufze erfüllt das Zimmer und es fühlt sich an, als würden sich hier im Wartebereich alle Sorgen der Welt sammeln und zu einem einzigen, riesigen Trauerkloß verschmelzen. Da fällt es einem gar nicht mehr so leicht, halbwegs gute Laune zu behalten.
Ich suche nach Ablenkung. Doch auf dem Zeitschriftenstapel des Tisches in der Mitte erkenne ich bereits aus der Ferne, dass bei diesem Lesestoff jegliche Royals und Apfelessigdiäten + die 10 besten Tortenrezepte mit Eierlikör im Fokus stehen. Nee danke, so verzweifelt bin ich dann doch nicht.

In der Kinderecke blättert ein kleines Mädchen in einem Bilderbuch. Ja, das wäre jetzt eher etwas für mich. Ein bisschen abtauchen in die Welt von Pettersson und Findus…
Doch statt dem Kind das Buch aus der Hand zu reißen beherrsche ich mich und suche nach einer anderen Alternative. Im Zeitschriftenständer an der Wand hängen noch andere Exemplare, doch direkt unter diesem sitzt eine sehr, sehr krank aussehende Person. Das Gesicht ist kreidebleich, der Körper in sich zusammengefallen. Die Anstrengung jeder Zelle ist zu erkennen, wie mit letzter verbleibender Kraft versucht wird, die Auswirkungen von Schüttelfrost und Co. im Zaum zu halten. Das Husten erschüttert Mark und Bein und der anschließende Nasen-Putz-Marathon macht die Sache auch nicht besser. Ich kann nur noch an Keime denken.

Plötzlich frage ich mich, ob Keime stets voneinander getrennt sind, oder ob diese sich gar untereinander mischen können? So würde exakt in diesem Augenblick ein monströser Megabazillus in diesem Zimmer entstehen. Ich versuche meine Gedanken zu bremsen, aber sie verselbstständigen sich nur allzu gerne. Im Endeffekt war es also gut, dass ich keine der Zeitschriften angefasst hatte.
Mein Blick richtet sich wieder auf das Kind, das nun eine Ecke des Buches in seinen Mund gestopft hat und genüsslich darauf herumkaut. Es scheint niemanden sonderlich zu interessieren, aber mir stellen sich die Nackenhaare auf. Jetzt wurde mir wieder deutlich bewusst, warum eine Karriere als Ärztin für mich niemals in Frage gekommen wäre. Ich kann nur noch an Viren und Bazillen denken, die ganz ungehemmt in fremden Körpern ihr Unwesen treiben.

Alle um mich herum schleimen, schnoddern, röcheln und rasseln für sich hin. Diese Kakophonie der Erkältungs- und Grippegeräusche raubt mir bald den letzten Nerv. Mich überkommt das Gefühl, dass ich auf einmal auch Schüttelfrost habe, aber ich denke, es ist nur der Ekel, der mich übermannt hat. Das hier ist kein Wartezimmer, das ist ein Ort, an dem die mentale Stärke jedes einzelnen auf die Probe gestellt wird. Ich versuche, meditativ in mich hinabzutauchen und das Szenario um mich herum weitestgehend auszublenden.

Stattdessen frage ich mich, was wohl passieren würde, wenn die Leute nicht alle maulend in sich zusammenfallen würden, sondern zum Beispiel anfangen ein lustiges Spiel zu spielen. Jeder sagt ein Wort und dann geht es reih um. Oder aber Reise nach Jerusalem. Stühle sind hier ja genug. Man könnte auch ganz kreativ werden und aus den zahlreichen Zeitschriften eine Collage machen. Oder Aktionskunst. Oder aber irgendeiner (am besten derjenige, der am besten angezogen ist) gibt sich fortan als Arzt aus. Alle Münder und Nasen werden mit Gaffa Tape zugeklebt, um die Verbreitung weiterer Keime zu verhindern. 

Oder ein paar Patienten unterstützen die dürftig besetzte Anmeldung der Praxis und vergeben allerhand Termine. Jeder ist sofort dran, alles kein Problem und die Quälerei in diesem vermaledeiten Wartezimmer hätte endlich ein Ende. Ok, vielleicht würde das Gespräch mit dem (echten) Arzt sich dann nur noch weiter hinauszögern, aber immerhin wären alle ganz gut unterhalten und jeder hätte etwas zu tun.

Beitragsbild: Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

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